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Umfangreiche Archivalien über die ehemalige Bergschule Siegen

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04.06.2003 | Siegen 04.06.03

Über einen weiteren wichtigen Zugang für seine Sammlungsbestände konnte sich in diesen Tagen das Stadtarchiv freuen. Die Realschule am Oberen Schloss übergab Stadtarchivar Ludwig Burwitz mehrere Kartons mit insgesamt siebzig Archivalien der ehemaligen Bergschule Siegen. Die für Bergbau und Stadtgeschichte wichtigen Dokumente waren bei einer Entrümplungsaktion von Schulhausmeister Michael Brautzsch und Schulleiter Dr. Eckhart Greifenstein im ehemaligen Gebäude der Bergschule, das heute von der Realschule genutzt wird, auf einem wenig zugänglichen Speicher entdeckt worden. Auf einem Haufen hatten sie unter einer Dachschräge die letzten Jahrzehnte in einem erstaunlich guten Zustand überdauert. Bei einer ersten Durchsicht erkannte Geschichtslehrer Burkhard Leidig die Bedeutung der Archivalien und informierte das Stadtarchiv.

Die Bergschule gehörte immerhin anderthalb Jahrhunderte zu den prägenden Institutionen der Stadt. Schon bald nach der auf dem Wiener Kongress beschlossenen Vereinigung des ehemaligen Fürstentums Siegen mit dem Königreich Preußen im Jahr 1815 war den auf Modernisierung bedachten Beamten der preußischen Bergverwaltung der Mangel an fachlich nach einem preußischen Lehrplan ausgebildeten Führungskräften der Bergbauregion Siegerland aufgefallen. Gleichwohl waren die praktischen Kenntnisse der Siegerländer Bergleute schon seit Jahrhunderten in der ganzen Welt gefragt. Die preußischen Beamten konnten sich dabei auch auf den wohl besten Kenner der hiesigen Bergwerksverhältnisse berufen, Oberbergrat Johann Philipp Becher, der die Einrichtung einer Bergschule in Siegen nicht nur empfohlen, sondern regelrecht gefordert hatte: ja ich sehe eine solche Anstalt selbst für nötig an. Die künftigen Schüler wünschte er sich er folgendermaßen: Junge rüstige Bergleute, die es auf der Grube bis zum Häuer gebracht haben und mit den Häuerarbeiten völlig bekannt sind, dabey lesen, schreiben und rechnen können, soweit man dieses in den Dorfschulen lernt, sich dabey gut aufführen und sich vor ihren SchlägelGesellen auszeichnen, werden in dem Institute aufgenommen, ... . Gleichzeitig warnte er allerdings auch vor allzu intensiver Bildung: Nur will ich raten, den Unterricht nicht weiter ausdehnen zu lassen, als zu dem bestimmten Wirkungskreise der Beamten durchaus nötig ist; sonst werden sie verschroben, es giebt schlechte Steiger und halbgelehrte Bergleute.

Unterricht im Kurländer Flügel des Unteren Schlosses
Die Königliche Bergschule Siegen eröffnete am 6. April 1818 mit zehn Schülern der ersten Klasse den Unterricht zur Ausbildung von Steigern und Betriebsführern im Bergbau. Der Unterricht fand statt in einem Raum im Kurländer Flügel des Unteren Schlosses, dessen gesamtes unteres Geschoss vom Bergamt genutzt wurde. Im Lehrplan nahmen die Fächer Mathematik, Zeichnen, Schönschreiben und Bergbaukunst den größten Umfang, ein, wobei von Montag bis Samstag jeweils in den Nachmittagsstunden unterrichtet wurde. Da es den meisten Schülern unmöglich war, ohne einigen Verdienst sich in Siegen aufzuhalten, dienten die Vormittage zum Erwerb des für den Lebensunterhalt Notwendigen. In der Frühschicht von vier bis zwölf Uhr fuhren die Bergschüler daher in die bisher stillgelegte Grube Schleifmühlchen samt Bechers Erbstolln ein, die zu diesem Zweck auf staatliche Rechnung wieder in Betrieb genommen worden war.

Erster Leiter der Bergschule war bis zum Ende des Jahres 1827 in Personalunion der Leiter des Bergamtes Siegen, Bergamtsdirektor Johann Christian Leberecht Schmidt. Als dieser von der preußischen Regierung beurlaubt wurde, um im Auftrag des deutschamerikanischen Bergwerksvereins die Verwaltung der mexikanischen Berg und Hüttenbetriebe neu zu ordnen, übernahm Oberbergrat Karl Ludwig Heusler als Stellvertreter seine Funktionen. Nach dem Tode Schmidts in Mexiko im Januar 1830 trat er an dessen Stelle und schlug schon bald eine grundlegende Reform des kränkelnden Schulbetriebs vor. Insbesondere hatte sich der wohlgemeinte Absicht, mit dem Betrieb der Lehrgrube Schleifmühlchen den Bergschülern sowohl eine praktische Ausbildung als auch eine materielle Basis zu ermöglichen, als wirtschaftlich völlig untauglich erwiesen.

Ein Neuorganisation des Lehrbetriebs, bei dem die Vermittlung des Stoffes auf Freitags und Samstags komprimiert wurde, während die Schüler an den ersten vier Tagen der Woche Arbeitsschichten im Revier Müsen verfuhren, war ebenfalls zum Scheitern verurteilt. Immer mehr Schüler blieben nämlich dem Unterricht in Siegen fern, da sie sich durch das Hin und Herlaufen zwischen Müsen und Siegen starke Verkältungen zugezogen hatten. Eine vorläufige Besserung des leidigen Problems brachte ab 1830 die strikte Trennung von Unterricht und praktischer Ausbildung. Von nun an arbeiteten die Bergschüler während der Sommermonate auf lehrreichen Gruben in auswärtigen Revieren. Von Oktober bis Ostern fand der Unterricht an allen Wochentagen bis auf Samstags nachmittags an gewohnter Stelle statt.

Von "königlicher" zur "staatlichprivater" Schule umorganisiert
Trotz der daraus resultierenden kurzfristigen Blüte der Siegener Bergschule stieg die Zahl der Schüler in den folgenden Jahrzehnten dennoch nie über höchstens 18 pro Semester. Der an der Überlastung des nebenamtlich eingesetzten Lehrpersonals und den nach wie vor unzureichenden Einkommensverhältnisse der Bergeleven krankende Schulbetrieb kam nach Heuslers Tod im Semester 18511852 völlig zum Erliegen.

Einen wirklichen Aufschwung erlebte die Bergschule erst nach ihrer Wiedereröffnung am 10. Oktober 1853, die als völlige Neugründung endlich den Anforderungen des Industriezeitalters entsprechen sollte. Die Neuorganisation unter dem neuen Leiter Heinrich Wilhelm Lorsbach zog sich bis zum Herbst 1854 hin, als der Unterricht erstmals mit zwei Klassen und neuem Lehrplan am alten Standort im Unteren Schloss aufgenommen wurde. Eine weitere Veränderung betraf Finanzierung und Trägerschaft der Bergschule: So mussten die im Bergamtsbezirk ansässigen gewerkschaftlichen Gruben von nun an einen beträchtlichen Teil der Schulkosten in Form von freiwilligen Beiträgen aufbringen. Damit wandelte sich die ausschließlich staatliche Trägerschaft in eine gemischt staatlichprivate. Als äußerliches Zeichen der Veränderung verlor die Schule das Prädikat Königlich.

Die sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts brachten erneute Einschnitte insofern, als zunächst 1861 das Bergamt Siegen aufgelöst wurde und die Schule fast alle Lehrer durch Versetzung verlor. An Stelle des Bergamts wurde in Siegen eine Königliche BergHypothekenKommission eingerichtet, deren Leitung der bisherige Justitiar des Bergamts, Bergrat Brockhoff, zusammen mit der weiter existierenden Bergschule übernahm. 1867 erfolgte auch die Auflösung dieser Kommission; durch die Versetzung Brockhoffs an das Oberbergamt Bonn wurde die Schule erneut führerlos. Von nun an wechselte die Leitung zwischen den beiden hier amtierenden Revierbeamten der Königlichen Bergreviere Siegen I und II.

Aufschwung Ende des 19. Jahrhunderts
Erheblich zu der im letzten Drittel des Jahrhunderts erfolgten Aufwärtsentwicklung der Siegener Bergschule trug die Schließung der Dürener Schule im gleichen Jahr bei. Denn nun schlossen die Vertreter der Erzbergwerke und der Braunkohlenwerke einen Vertrag mit dem Kuratorium der Bergschule, die sich verpflichtete gegen die Zahlung angemessener Beiträge die von diesen Interessentengruppen überwiesenen Schüler zu unterrichten. Räumlich wesentlich besser ausgestattet als zur Aufnahme des Lehrbetriebs 1818, stieg die Zahl der Absolventen, die nach zweijährigem Lehrgang die Schule verließen, immerhin bis auf 24.

Gründung des "Siegenr Bergschulvereins" zum 50jährigen Jubiläum
Das Jahr 1903, in dem das fünfzigjährige Jubiläum der Neugründung der Schule mit einem großen Fest begangen wurde, brachte auch die Neuordnung der bis dahin ungeklärten rechtlichen Grundlagen in der Trägerschaft: Seit der Neuordnung 185354 war die Bergschule eine von staatlichen Mitteln abhängige Privatanstalt gewesen, der eine juristische Person als Träger fehlte. Am 4. September 1903 wurde auf einer Gründungsversammlung die Bildung eines rechtsfähigen Vereins beschlossen, der zukünftig als Siegener Bergschulverein die Trägerschaft der Bergschule übernahm und diese Aufgabe bis zu ihrer Schließung im Jahr 1968 innehatte. Die Satzung sah vor, dass private und staatliche Zuschüsse weiterhin die Unterhaltung der Schule gewährleisteten und auch der gewohnte Anteil staatlicher Bergbeamter an der Ausbildung erhalten blieb. Die Ernennung eines Vorstandsvorsitzenden zugleich Leiter der Bergschule war dem Oberbergamt Bonn vorbehalten, das auch einen Kommissar ernannte, der die staatliche Aufsicht ausübte. Als Mitglieder traten dem Bergschulverein alle 35 Bergbaubetriebe des Siegener Eisensteinvereins, 15 sonstige Eisensteingruben, 24 Blei und Zinkgruben, 2 Schwefelkiesgruben, 16 Dachschiefergruben, der Kölner BraunkohlenbriketVerkaufsverein mit 22 Gruben, 7 natürliche Personen sowie die Stadt Siegen bei.

Der Ausbruch des 1. Weltkrieges bedeutete für die bis dahin expandierende Bergschule einen jähen Einschnitt: am 1. August 1914 erschienen nur 4 Schüler zum Unterricht, der Rest war eingezogen worden oder hatte sich freiwillig an die Front gemeldet. Der Lehrbetrieb wurde natürlich vorläufig eingestellt, musste aber schon bald mit verkürzten Lehrgängen für vom Kriegsdienst zurückgestellte Bergleute wieder aufgenommen werden, da unter den Bedingungen des Krieges die Nachfrage nach qualifizierten Bergbeamten besonders groß war. Erst 1921 konnte die Bergschule zu ihrem geregelten Betrieb zurückkehren.

Umzug auf den Wellersberg und Überlegungen für Neubau
Nach 115 Jahren im Kurländer Flügel des Unteren Schlosses musste die Bergschule 1933 dem neu eingerichteten Landgericht weichen und ein neues Domizil in der ehemaligen Wellersbergschule beziehen. Diese war 1907 als katholische Volksschule in der Blücherstraße errichtet worden. Hier überdauerte die Bergschule den 2. Weltkrieg, doch schon bald nach dessen Ende führten steigende Schülerzahlen zu Überlegungen für einen kompletten Neubau. Immerhin galt es, 12 Dozenten und 135 Schüler in einer zweisemestrigen Vorklasse und in drei Klassen des sechssemestrigen Hauptausbildungsganges zu unterrichten.

Zu diesem Zweck stellte schließlich die Stadt Siegen einen Grundstückskomplex im Bereich Burgstraße Ecke Höhstraße zur Verfügung, der eine Reihe ehemaliger Trümmergrundstücke umfasste. Darunter befand sich auch das In der Hees gelegene Geburtshaus von Peter Paul Rubens, das bei einem der letzten Bombenangriffe auf Siegen im Frühjahr 1945 zerstört wurde. Seine eindeutige Lokalisierung gelang dem damaligen Stadtarchivar Friedhelm Menk erst in den 1990er Jahren.

Doch fielen Grundsteinlegung am 17. April 1953 und erst recht die Einweihung des neuen Schulgebäudes am 16. Juni 1955 in eine Zeit, als bereits dunkle Wolken am Himmel des Siegerländer Erzbergbaues aufgezogen waren. Auch wenn der nordrheinwestfälische Wirtschafts und Verkehrsminister Dr. Friedrich Middelhauve beim Festakt im Siegener Rathaus trotzig bekannte: Mir ist um die Zukunft des Siegerlandes und des Siegerländer Erzbergbaues nicht bange. Ich bin überzeugt, dass die Siegener Bergschule zu seiner Festigung einen großen Beitrag liefert, ..., war das Ende des traditionsreichen Instituts bereits abzusehen.

Schließung der letzten Gruben im Siegerland bedeutete das Ende
Mit den Gruben Neue Haardt in Weidenau und Pfannenberger Einigkeit in Salchendorf bei Neunkirchen schlossen 1961 und 1962 die letzten Bergwerke des Kreises Siegen. Auch verzweifelte Versuche, die Bergschule zu einer Bergingenieurschule aufzuwerten, konnten nicht darüber hinwegtäuschen: Der Bergschule fehlte nunmehr die Existenzgrundlage. Kurz vor dem 150jährigen Jubiläum schloss die alte Bergschule im September 1967 ihre Pforten. Ihre Tradition sollte von der neuen Bergbaufachschule fortgesetzt werden, die bis auf die Abteilung Steine und Erden alle Sparten der früheren Bergschule in ihr Unterrichtsprogramm aufnahm. Doch auch für diese kam schon am 31.12.1969 das endgültige Aus.

Das Gebäude an der Burgstraße übernahm die heutige Realschule am Oberen Schloss, die jetzt für den überraschenden Aktenfund verantwortlich zeichnete. Stadtarchivar Ludwig Burwitz: "Für die Forschung ist dieser umso wertvoller, als den Archiven bisher nur wenige Akten der ehemaligen Bergschule bekannt sind. Nunmehr lässt sich anhand der Kassenjournale und Rechnungsbücher beinahe das gesamte Rechnungswesen dieser Institution seit 1871 nachvollziehen." Erfreut zeigte sich der Stadtarchivar auch über Akten, die Aufschluss darüber geben, dass die Bergschule sich bereits zu einem Zeitpunkt um die Versorgung mit elektrischem Strom zur Beleuchtung ihres Zeichensaales bemühte, als in Siegen das Elektrizitätswerk gerade gegründet war. Darüber hinaus fanden sich Akten mit Bewerbungsschreiben von Bergschulaspiranten mit ihren Lebensläufen und Ausbildungsgängen.

pdk

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